Digitalisierung im Trade Finance-Geschäft

Gemeinsam mit Kunden entwickelt: Zahlungsabsicherung von Handelsgeschäften über das Blockchain-Projekt Marco Polo

Die Commerzbank hat im Mai 2021 mit der İşbank sowie der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) als eine der ersten Banken gemeinsam mit deutschen und türkischen Firmenkunden Handelsgeschäfte über das Trade-Finance-Netzwerk Marco Polo in einer Live-Umgebung abgewickelt. Damit wurde ein Meilenstein auf dem Weg zur Markteinführung des Marco Polo Payment Commitments erreicht.

Vera Voerckel

Im Insights-Interview sprach Vera Voerckel aus dem Team Trade Finance & Cash Management der Commerzbank Düsseldorf darüber mit Kay Maybach, Head of Customer Service Interregio, Middle East Africa, Turkey & CIS bei der Covestro AG in Leverkusen. Seitens der Commerzbank waren mit dabei Angela Koll, Senior Business Expert Supply Chain Finance & Innovation, und Matthias Walter, Head of Trade Finance Region Rheinland.

Vera Voerckel: Das Marco Polo Payment Commitment – um was geht es dabei, Frau Koll?

Angela Koll

Angela Koll: Das Marco Polo Payment Commitment ist ein unwiderrufliches abstraktes Versprechen der Käuferbank an den Lieferanten, am Fälligkeitstag Zahlung zu leisten. Das Zahlungsversprechen basiert auf einem Austausch und dem erfolgreichen automatischen Abgleich digitaler Handelsdaten im DLT/Blockchain-Netzwerk Marco Polo. Das Marco Polo Payment Commitment dient sowohl der Zahlungsabsicherung als auch der Finanzierung und der Working-Capital-Optimierung im internationalen und nationalen Handelsgeschäft.

Herr Maybach, Sie haben den Prozess von den Pilot- bis zu den Live-Transaktionen genau verfolgt. Warum ist das so interessant für Sie?

Kay Maybach

Kay Maybach: Als einer der weltweit führenden Hersteller von Hightech-Polymerwerkstoffen betreibt Covestro ein dichtes Netzwerk mit Standorten in Europa, Asien und Amerika. Überall in unseren internationalen Märkten ist die zunehmende Digitalisierung mit Händen zu greifen – nur bei der Zahlungsabwicklung im Trade Finance noch nicht. Dabei sind die Anforderungen an künftige Dealflows klar: schneller, transparenter, effizienter.

Wie könnte eine Lösung aussehen?

Kay Maybach: Entscheidend sind vor allem der zeitnahe Austausch und der automatische Abgleich von Handelsdaten zwischen den Handelsbeteiligten, um seitens der Käuferbank ein unwiderrufliches Zahlungsversprechen zugunsten des Lieferanten zu generieren – zur Zahlungsabsicherung, aber auch zur Finanzierung. Käufer, Lieferant und die beteiligten Banken greifen im geschlossenen Netz zeitgleich auf relevante Daten zu. Nach einer solchen Lösung haben wir gesucht. Deshalb sind wir sehr daran interessiert, das Thema gemeinsam mit der Commerzbank voranzutreiben.

Dann lassen Sie uns doch kurz einen Blick zurück werfen auf die Historie des Marco Polo Payment Commitment. Der Grundstein dafür wurde 2017 gelegt, als die Commerzbank gemeinsam mit dem Blockchain-Konsortium R3 und anderen Banken das Blockchain Trade Finance Projekt Marco Polo gegründet hatte. Wie kam es dazu und was war der Hintergrund, Frau Koll?

Angela Koll: Ich war Mitglied einer Arbeitsgruppe der Euro Banking Association (EBA), als mir das Potenzial der Distributed Leger Technology (DLT) für das Trade Finance bewusst wurde. Ich erkannte die Möglichkeit, mehrere Beteiligte einer Supply Chain in einem Netzwerk effektiv zu verbinden sowie transparent, schnell und sicher Daten auszutauschen. Die Commerzbank war bereits Mitglied des Blockchain-Konsortiums R3, das erste Initiativen für das Trade Finance-Geschäft entwickelte. Gemeinsam mit dem DLT-Lab der Commerzbank, R3 und anderen interessierten Banken gründeten wir 2017 Marco Polo. Noch im selben Jahr wurden erste Lösungsmodelle diskutiert und entwickelt. 2018 testeten wir den ersten Prototypen für das Marco Polo Payment Commitment und im März 2019 wickelten wir die erste Pilottransaktion gemeinsam mit der LBBW sowie den Kunden KSB und Voith als Simulation eines historischen Geschäfts ab. Es folgten weitere Pilottransaktionen mit anderen Kunden und Banken. Wichtig ist uns, nach den erfolgten Transaktionen Feedback von unseren Kunden einzuholen und kundenspezifische Anforderungen aufzunehmen. Ende Mai 2021 sind wir mit ersten Transaktionen live gegangen und haben seitdem kontinuierlich weitere Kunden in das Marco Polo Netzwerk geholt und  regelmäßig Transaktionen abgewickelt.

In 2022 wollen wir proaktiv das Geschäftsfeld für das Marco Polo Payment Commitment gemeinsam mit Kunden und Banken erweitern.“

Kay Maybach: Kleine Ergänzung und Bestätigung von mir: Für uns ist es sehr wichtig, spezifische Anforderungen unseres Unternehmens so früh wie möglich einbringen zu können.

Für die Commerzbank heißt das aber, dass Sie nicht nur Ideen und DLT-Know-how brauchen, sondern auch Unternehmen, die den Entwicklungsweg mit Ihnen gemeinsam gehen. Wie finden Sie diese Unternehmen?

Matthias Walter

Matthias Walter: Auf drei Wegen. So sprechen uns natürlich immer wieder Unternehmen direkt auf neue Themen oder Produkte an. Ausgangspunkt kann aber auch unser Produktmanagement sein, das Neuentwicklungen mit interessierten Unternehmen unter Praxisbedingungen testen möchte. Dann analysieren wir gezielt den Kundenbestand und schauen, für wen das jeweilige Projekt von besonderem Nutzen wäre. So gehen wir auch beim dritten Weg vor, wenn unsere Korrespondenzbanken im Ausland über unsere Repräsentanten vor Ort für eine Kooperation nach Pilotkunden in Deutschland fragen.

Wie ist der Kontakt zu Covestro entstanden?

Angela Koll: Auf dem dritten Weg, den Matthias Walter eben genannt hat: Die Banco Bradesco in Brasilien hat uns über unsere lokale Repräsentanz angesprochen. Als Unternehmen, für das eine neue Handelsachse mit Südamerika vorteilhaft wäre, haben wir dann Covestro identifiziert und unsere regionalen Spezialisten angesprochen. So kam es zum Kontakt zwischen den Herren Maybach und Walter.

Matthias Walter: Bei der Suche nach interessierten Unternehmen ist es wichtig, die Übersicht und das richtige Gespür für das eigene Kundenportfolio zu haben. Bei welchen Kunden ist das digitale Interesse vorhanden? Wer würde gerne Neuland mit uns betreten wollen? Bei Covestro war das der Fall.

Welche Voraussetzungen benötigt ein Unternehmen für eine Pilottransaktion mit dem Marco Polo Payment Commitment? Das klingt schon recht kompliziert ...

Angela Koll: Die Teilnahme an einer Pilottransaktion ist für unsere Kunden nicht kompliziert. Als Zugang zum Marco Polo Netzwerk wird ein sogenannter Node für den Kunden aufgesetzt. Zur Vorbereitung der Pilottransaktion benötigen wir ein historisches Handelsgeschäft mit dem Handelspartner. Wir extrahieren daraus die für die Pilottransaktion notwendigen Daten, bereiten diese auf und stellen sie zur Verfügung. Wir beschreiben für den Kunden den Abwicklungsprozess auf der Marco Polo-Plattform und erklären die Schritte, bei denen der Kunde selbst ein To-do hat. Zusammengefasst: wenig Aufwand für den Kunden und keine technische Implementierung.

Nach einer erfolgreichen Pilottransaktion gehen wir gerne den nächsten Schritt. Wir identifizieren gemeinsam mit den Kunden ein passendes Geschäft und bringen die Erfahrungen und Kenntnisse in die Livephase. Quasi der Konzertauftritt nach der Generalprobe.

Wie geht es denn jetzt weiter mit dem Trade-Finance-Netzwerk Marco Polo?

Angela Koll: Wir werden weitere Pilottransaktionen ins Live-Geschäft überführen, neue Kunden gewinnen, das Angebot sukzessive erweitern, weitere Banken ins Netzwerk holen und Verbindung mit anderen Trade-Finance-Netzwerken etablieren. Da ist noch viel in der Pipeline: Perspektivisch können die Verschiffungsdaten direkt von einem Logistikunternehmen und weitere Daten von Versicherungsunternehmen sowie anderen Beteiligten der Handelskette hochgeladen werden.

Welche Bedeutung haben solche Weiterentwicklungen für die Commerzbank?

Matthias Walter: Für uns als Bank sind neue, moderne und innovative Entwicklungen extrem wichtig, um Unternehmen auch weiterhin die bestmögliche Auswahl an Lösungen zur Verfügung zu stellen. Am effektivsten ist es natürlich, wenn man diese gemeinsam mit Kunden entwickelt, um die Produkte von Anfang an am Kundenbedarf auszurichten. So erreichen wir erfahrungsgemäß eine breite Marktakzeptanz. Das gilt nicht nur für Marco Polo: Parallel arbeiten wir an Lösungen zum Thema elektronische Dokumente, mit dem Fraunhofer Institut in Dortmund forschen wir an Zukunftstechnologien und testen diese. Ein Beispiel ist die Sensorik. Aber auch entlang der Supply Chain gibt es bereits digitale Lösungen oder zumindest Ideen, wie diese Lösungen aussehen könnten.

Letzte Frage an Sie, Herr Maybach: Was verspricht sich Covestro von der Digitalisierung im Trade Finance-Geschäft?

Kay Maybach: Wir gehen beim Marco Polo-Projekt davon aus, dass DLT unser internationales Geschäft erheblich vereinfacht und beschleunigt. Beim Marco-Polo-Projekt haben wir die Erwartung, dass es die Automatisierung des internationalen Handelsgeschäfts verbessert und standardisiert.

Stand: Juni 2021